von
EMJu
Gewinnertext des Schreibwettbewerbs "Zwischenwelten"
Noch halb im Traum drehte ich mich um und zog mir die Decke ins Gesicht. Es war kalt. Durch das gekippte Fenster hörte ich die Krähen krächzen, die sich ihren Schlafbaum direkt vor meinem Haus gesucht hatten. Sie unterhielten sich in ihrer Zahlensprache; Kräh-Kräh! Antwort: Kräh-Kräh-Kräh! Wieder Kräh-Kräh! Antwort: Kräh-Kräh-Kräh! Von irgendwoher ein Zwischenruf: Kräh-Kräh-Kräh-Kräh!
Ihr Geschrei vermischte sich mit den Resten der Traumbilder, die mich umfangen hielten, dem großen Mann mit dem langen schwarzen Haar, der seine schwarzen Flügel ausbreitete und ein Mal mit ihnen schlug ohne sich dabei zu erheben, umgeben von seinen kleinen gefiederten Freunden, Kräh-Kräh-Kräh, und ich vor ihm, ganz klein, ganz unwichtig.
Sein breites, ovales Gesicht lächelte sanft. Ich kannte seinen Namen, doch er fiel mir nicht ein. Ich suchte in meinen Erinnerungen nach ihm, suchte nach dem Ort, an dem wir uns begegnet waren, aber ich konnte mich nur an dieses Gesicht erinnern, dieses wunderschöne, entschlossene Gesicht, das Gesicht eines Königs, eines Kaisers?, ich wusste es nicht. Ein goldener Hut mit einer weichen Feder saß etwas schräg auf seinem Kopf, ein Jägerhut, enganliegend, unter dem sein Pony herausstand. Golden war auch sein Umhang, fiel ihm in weiten Bahnen glatt über die breiten Schultern, an denen keine Arme sondern Flügel saßen, lange, schwarze Flügel. Er faltete sie zusammen, seine schmalen Lippen lächelten freundlich, die braunen Augen blickten gütig auf mich herab und er sagte: „Komm!“
Seine Stimme war weich wie ein warmer Wind. Ich konnte ihr nicht wiederstehen. Ich streifte mir die Decke ab, stand auf und ging zu ihm. Mein Atem wurde weiß in der Kälte, doch ich fror nicht. Alles, was ich noch wahrnahm war dieser unsagbar gütige Blick.
Mit jedem Schritt, den ich ihm näher kam, beschleunigte sich mein Herzschlag. Er merkte es und sah mich durchdringend an. Ich fühlte ihn in meinen Gedanken. Er wärmte sie, reicherte sie an mit seiner Energie, er nahm mir meine Furcht und füllte den Platz an dem sie gewohnt hatte mit Vertrauen, dem Vertrauen eines Kindes in seinen Vater, und ich war so unsagbar glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.
Als uns nur noch ein Schritt voneinander trennte, streckte er den rechten Flügel aus und bog ihn wie einen Arm, um mich in ihm aufzunehmen. Er legte sich warm um meine Schultern. Ich sah zu ihm auf. Er war mehr als zwei Meter groß und hatte eine Brust wie ein Stier. Er roch nach Zedern und Bergamotte. Sein Duft machte mich halb verrückt. Ich erlag dem Verlangen mich an seine Brust zu schmiegen und diesen Geruch tief in mich aufzusaugen, bevor ich wie hypnotisiert zu ihm aufsah und mich in seinem Lächeln verlor. Mein Herz überschlug sich fast vor Glück. Er brachte es zum Rasen.
Kräh-Kräh-Kräh-Kräh!, riefen die Vögel ringsum. Kräh-Kräh!, lautete die Antwort.
„Wer bist du?“, hört ich mich fragen.
„Hast du das denn schon vergessen?“, fragte er leise zurück.
Ehe ich etwas antworten konnte, breitete er seine Schwingen aus und erhob sich in den wolkenlosen, leuchtend blauen Himmel. Sein goldenes Gewand fiel von ihm ab und entblößte den schwarz gefiederten Körper. Je höher er aufstieg, desto kleiner wurde er, bis er, von seinen Begleitern nicht mehr zu unterscheiden, in der Ferne verschwand.
Vor meinen Füßen lag sein Umhang. Ich hob ihn auf und legte ihn um meine Schultern. Kaum, dass der weiche Stoff meinen Körper berührte, löste er sich auf und verging wie eine schwache Erinnerung. Ich wurde unendlich traurig.
Als ich erwachte, hatte ich feuchte Wangen. Ich hatte im Schlaf geweint. Noch immer war mir, als zerrisse mir die Traurigkeit das Herz. Es war nur ein Traum, sagte ich mir und riss mich zusammen. Der Tag hatte eben erst begonnen. Es war nicht gut, ihm in Schwermut zu begegnen.
Ich stand auf und kochte mir einen Kaffee.
Das heiße Wasser der Dusche wusch die Trübsal von mir ab. Allein das wunderschöne Gesicht des seltsamen Krähenmannes ging mir nicht aus dem Sinn. Es war, als sei er noch immer in meiner Nähe.
Da ich noch ein paar Tage Urlaub hatte, beschloss ich, an diesem Tag einen Stadtbummel zu machen. Die Luft war eiskalt, doch der wolkenlose Himmel versprach einen schönen Sonnentag. Ich packte mich in eine warme Jacke, schlang mir einen Schal um und zog Handschuhe an.
Nach einigen Schritten an der kalten Morgenluft waren die letzten Gedanken an den Traum verflogen.
Das Gras war weiß vom nächtlichen Frost. Ich ging durch einen großen Park, in dem kaum ein Mensch unterwegs war. Eine Dame führte ihren kleinen Hund aus, der so schnell über den kalten Boden trippelte, dass sie kaum hinterher kam. Ein älteres Paar schlenderte schweigend vor mir her, ein Fahrradfahrer kam uns klingelnd entgegen, ein Eichhörnchen saß auf der Lehne einer Parkbank und zernagte die harte Schale einer Nuss.
Ich hörte die Krähen sich laut unterhalten, Kräh-Kräh-Kräh!, Kräh-Kräh! die Antwort und etwas durchzuckte mich wie ein Blitz. Ich sah mich nach ihnen um. Sie kreisten zu zweit, hoch am Himmel, und wieder rief eine von ihnen Kräh-Kräh-Kräh!
Ich blieb stehen und beobachtete sie. Sie zogen weite Kreise über dem Park, stießen entschlossen ihre Rufe aus, Kräh-Kräh!, Kräh-Kräh-Kräh!, und wieder holte diese Traurigkeit mich ein.
Wer war der Mann aus meinem Traum? Sein Gesicht war mir so gegenwärtig, dass ich es fast vor mir sehen konnte. Ein Schauspieler, den ich in irgendeinem Film gesehen hatte? Ein Gesicht aus der Zeitung? Jemand, den ich auf einer Geschäftsreise kennengelernt und längst vergessen hatte? Nein. Dieses auffallend schöne Gesicht hätte ich niemals vergessen.
Ich ging weiter. Gedankenverloren überquerte ich eine Straße, ohne mich umzusehen. Ich hörte ein Quietschen und sah erschrocken nach rechts. Vier Ringe auf einem Kühlergrill rasten auf mich zu, das Metall erfasste mich, ich schleuderte durch die Luft und sah die Welt sich wie in einem Alptraum um mich drehen, der Boden raste auf mich zu, es wurde dunkel.
In allen Farben des Regenbogens bog sich die unberührte Landschaft um mich herum. Verzerrte Gesänge drangen an mein Ohr und Stimmengewirr. Meine Hände waren eiskalt. Krähen kreisten zu Hunderten über meinem Kopf. Sie riefen mich. Ich konnte sie verstehen. Eine landete auf meinen Schultern, sah mich interessiert an und fragte: „Kannst du dich jetzt erinnern?“
„Woran?“, fragte ich verwirrt.
„An seinen Namen“, sagte sie. „Du hattest ihn ihm doch selbst gegeben.“
Ich wusste nicht, was sie meinte.
„Möchtest du ihn wiedersehen?“, fragte sie.
Ich nickte.
„Dann sag seinen Namen.“
„Ich weiß ihn nicht“, gab ich bedrückt zu.
„Erinnere dich!“, forderte sie mich auf.
Ich versuchte es, doch so sehr ich mich auch anstrengte, es gelang mir nicht.
„Du musst loslassen“, sagte die Krähe. „Nur wenn du aufhörst, dich festzukrallen, können wir dich zu ihm bringen.“
Ich schloss die Augen. Alles drehte sich um mich herum. Mehr Krähen kamen zu mir, nahmen mich bei den Schultern und erhoben sich mit mir in die Lüfte. Ich hatte schreckliche Angst. Laut rufend flogen sie mit mir als Last über Wälder, Seen und Gebirge. Die Sonne verschwand allmählich am Horizont und wir erreichten ein Tal. Dort setzten sie mich ab.
„Hier musst du suchen“, sagte einer der Vögel. Ohne mir weitere Hinweise zu geben flogen sie davon.
Allein und verunsichert blieb ich zurück. Es war dunkel und kalt. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Rings um mich war nichts als Wald. Egal wohin ich blickte, alles sah völlig gleich aus. Unschlüssig marschierte ich los.
Als ich einige Stunden gegangen war sah ich in der Ferne ein Licht schimmern. Ich änderte die Richtung und ging darauf zu. Kein Laut war um mich herum zu hören. Meine Schritte auf dem moosbewachsenen Boden verursachten kein Geräusch. Nicht einmal ein Hölzchen knackte, kein Wind wehte, und ich begann zu ahnen, dass dies kein guter Ort war.
Das Licht rückte näher. Bald stand ich vor einer morschen Hütte, die nur ein einziges Fenster besaß. Ich klopfte unsicher an die hölzerne Tür. Von drinnen hörte ich Schritte. Die Türe öffnete sich und ein alter, böse schauender Mann stand darin. „Was willst du?“, fragte er harsch.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich aufrichtig. „Ich war im Wald und sah das Licht in deinem Haus leuchten. Also bin ich hergekommen.“
Er betrachtet mich misstrauisch. „Kommst du aus der Stadt?“
„Ja“, antwortete ich. „Die Krähen haben mich hergebracht.“
„Die Krähen?“, fragte er interessiert. „Was hast du ihnen denn erzählt, dass sie dich ausgerechnet an diesen Ort gebracht haben?“
„Ich suche jemanden“, sagte ich. „Aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Sie sagten mir, dass ich hier suchen muss.“
„Aha.“ Der Alte leuchtete mir mit einer fast abgebrannten Kerze ins Gesicht. Er war schon im Nachthemd und trug eine weiße Schlafmütze. Sein dünnes weißes Haar ragte in Fransen unter ihrem Saum heraus. „Wenn du bereit bist, mir etwas zu kochen, lasse ich dich herein.“
Ich willigte ein.
Das Haus bestand nur aus einem einzigen Raum. Ein alter Kohleherd stand in einer Ecke. Auf ihm stand ein Topf, in dem etwas Wasser brodelte. „Hast du einen speziellen Wunsch?“, fragte ich den alten Mann.
„Nein. Und ich habe auch keine Vorräte. Du wirst dir schon etwas einfallen lassen müssen.“
Ich überlegte. Als Kind war es mit nicht schwergefallen, aus nichts etwas Tolles zu machen. „Ich backe dir einen Aschekuchen“, schlug ich also vor.
Der Alte zog die Brauen zusammen. „Wie soll ich von sowas satt werden?“
„Wie soll ich ohne Vorräte ein Essen zubereiten?“, gab ich zurück.
Er lächelte. „Erschrocken bist du jedenfalls nicht. Setz dich!“
In der Mitte der Stube stand ein dunkler, schmutziger Holztisch mit zwei Stühlen. Auf einem davon nahm ich Platz.
Der Alte drehte mir den Rücken zu und fuhrwerkte an seinem Herd herum. Plötzlich begann es, aromatisch nach Eintopf zu duften. Minuten später kehrte er mit zwei gut gefüllten Suppentellern voller Bohnen und Fleisch an den Tisch zurück. Er grinste schelmisch. „Du hast keine Ahnung, wo du bist, nicht wahr?“
„Ja“, gestand ich.
„Das hier ist das Ende der Welt. Hier hört die Zeit auf zu arbeiten und der Raum auf zu existieren. Wenn Du noch etwas weitergegangen wärst, wärst du im Nichts gelandet.“
Er gab mir einen Löffel, setzte sich und begann, seinen Eintopf zu essen. Das fettige Fleisch fiel ihm vom Löffel in den Teller zurück, doch es spritzen keine Tropfen und kein Geräusch war zu hören. Ich rührte irritiert in meinem Teller und klopfte zaghaft mit dem Löffel an den Rand. Es war mir nicht möglich, so auch nur den leisesten Ton zu erzeugen. Dann füllte ich meinen Löffel und aß, doch wie ich es beinahe erwartet hatte, hatte ich keinerlei Geschmack auf der Zunge.
„Bist du schon lange hier?“, fragte ich ihn.
„Schon immer“, antwortete er kauend. „Ich passe auf, dass keiner ins Nichts fällt.“
„Kommt denn hier öfter jemand vorbei?“
„Von Zeit zu Zeit. Aber die meisten wollen mir nichts zu essen machen und gehen einfach weiter. Dann fange ich sie ein und lasse sie von Kon abholen. Dort bleiben sie normal bis zu ihrem Tod.“
„Wer ist Kon?“
„Kon sammelt tragische Schicksale“, erklärte er. „Menschen, die nicht mehr in ihre Welt zurück aber auch noch nicht sterben können. Er ist nicht böse, keine Angst. Er spielt nur gerne. Kons Welt ist sowas wie ein unvorstellbar vielfältiger Ideenpark. Alles was in den Gedanken derer steckt, die er bei sich aufnimmt, fließt in diese Welt mit ein. Es geht dort ziemlich chaotisch zu, aber Kon mag das Chaos. Er geht sozusagen darin auf.“
„Klingt ja grauenhaft“, schüttelte ich mich.
„Ja. Für dich wäre das kein guter Ort. Du hast ein Ziel. Menschen, die ein Ziel haben, können sich bei Kon nicht wohlfühlen.“
Ich schob den leergegessenen Teller von mir und lehnte mich zurück. „Kannst du mir helfen, mein Ziel zu erreichen?“
Er sah mich spitzbübisch an. „Du musst erst mal zusehen, dass du diesen Ort wieder verlässt, denn hier wirst du nicht finden was du suchst. Wenn du mir etwas gibst, bringe ich dich deinem Ziel etwas näher.“
Ich hatte nichts bei mir, was ich dem Alten hätte geben können. Also fragte ich: „Was möchtest du denn haben?“
Er bleckte seine gelben Zähne und antwortete leise: „Gib mir dein Haar.“
Erschrocken griff ich mir an den Kopf. Ich ließ eine Strähne meines Haares durch meine Finger laufen und fragte unsicher: „Alles?“
Er nickte. „Bis zur Kopfhaut.“ Er zog ein rostiges Rasiermesser aus einer in den Tisch eingelassenen Schublade und wedelte damit vor meinen Augen. „Gib es mir!“
Ich atmete tief durch und gab schließlich widerwillig mein Einverständnis. Wenig später strich ich über meinen kahlen Schädel. Er war kalt.
Der alte Mann führte mich fort vom Ende der Welt. Nach einem langen Marsch erreichten wir den Gipfel eines steilen Felsens, als er plötzlich stehenblieb. „Ab hier kann ich dich nicht mehr begleiten. Vor dir liegt Grahn, die Welt des Zweifels. Du musst sie überwinden, um an dein Ziel zu kommen.“
Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Ich sah eine Weile zurück zum Ende der Welt, bis ich schließlich den Mut fasste, Grahn zu betreten.
Ich stieg die andere Seite des Felsen hinab. Bald kam ich an einem steinigen Pfad an, dem ich eine Weile folgte. Nach einigen Stunden gabelte sich der Pfad. Ich wusste nicht, welcher der Abzweigungen ich folgen sollte. Die Rechte schien etwas ansteigend zu sein und wirkte eher zugewuchert. Die Linke war frei, fiel aber steil in die Tiefe ab. Ich entschloss mich, den rechten Weg zu nehmen.
Das Dickicht, durch welches der Pfad führte, machte mir schwer zu schaffen. Die scharfen Dornen der Sträucher streiften über meine Arme und rissen sie auf. Immer wieder gab das Geröll unter meinen Füßen nach, spritzte krachend davon und machte mich beinahe stürzen. Es wurde dunkel. Bald war der Weg nicht mehr zu erkennen. Es war sinnlos, vor Tagesanbruch weiterzugehen. Ich setzte mich an den Wegesrand und schlang die Arme um meine ausgekühlten Beine. Das Zirpen von Grillen drang an mein Ohr. Ein Uhu rief laut in die Nacht. Ich hörte den Wind, der durch die Baumwipfel wehte und sie leise rauschen ließ. Irgendwann schlief ich ein.
Als ich wieder erwachte, spürte ich ein warmes, weiches Gefühl auf meiner Haut. Ich öffnete die Augen und sah in das Gesicht eines Rehs, das mir meine Armbeuge leckte. Ich bewegte mich nicht. Das Reh hielt inne und sah mich unsicher an. „Mach nur“, sagte ich leise.
„Ich will nur, dass dich der Stich nicht so schmerzt“, sagte es entschuldigend.
„Welcher Stich?“, fragte ich.
„Der Wespenstich“, antwortete das Reh. „Sie wird gleich hier sein.“
Ich sah mich um. Dann fragte ich: „Warum will sie mich stechen?“
„Weil sie eine gemeine Wespe ist“, erwiderte das Reh. „Sie ist eben so.“
Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich wartete, bis die Wespe kam. Sie schwirrte um mich herum, zog immer engere Kreise um mich und ließ sich schließlich auf der Stelle meines Armes nieder, die das Reh geleckt hatte. Dort begann sie sich zu putzen.
„Wirst du mich nun stechen?“, fragte ich etwas unsicher.
Sie hielt inne, sah mich eine Weile an und antwortete schließlich: „Vielleicht.“ Dann fuhr sie fort, sich zu putzen.
Ich betrachtete die filigranen Flügel des Insekts. Es stand auf den Vorderbeinen und bearbeitete den rechten Flügel mit den beiden rechten Hinterbeinen. Dann verlagerte es sein Gewicht nach links, tarierte sich aus und nahm sich den linken Flügel vor. Mir war nicht wohl in seiner Nähe. „Kennst du einen Mann, der aussieht wie eine Krähe aber ein Menschengesicht hat?“, fragte ich schließlich, um mich etwas von meiner Unruhe abzulenken.
„Kann sein“, antwortete die Wespe knapp. Sie ließ sich auf die Hinterbeine kippen und reinigte sich mit den Vorderbeinen die Fühler.
„Er ist sehr groß“, versuchte ich, ihn zu beschreiben. „Er hat dunkelbraune Augen und trägt einen Jägerhut mit einer Feder. Er hat langes schwarzes Haar.“
„Dann ist es Gonar. Oder Edron. Oder Silgat. Oder Kust. Keine Ahnung.“
„Sehen die denn alle so aus?“ Keinen dieser Namen hatte ich je gehört.
„Weiß nicht“, sagte die Wespe. „Vielleicht.“
Verärgert schob ich die Lippen zusammen. „Du kennst keinen einzigen von ihnen.“
„Eventuell ja, eventuell nein“, summte sie leise. „Soll ich dich jetzt stechen oder nicht?“
„Nein!“ entgegnete ich erschrocken.
Sie drehte ihren Stachel nach vorne und streifte mit den Hinterbeinen darüber. „Bist du dir sicher?“
„Natürlich bin ich mir sicher. Ich will nicht gestochen werden.“
„Das bezweifle ich“, sagte die Wespe, setzt an und jagte mir ihren Stachel in die Armbeuge. Ich fühlte ihr brennendes Gift durch meinen Körper rinnen und merkte, wie mir die Sinne davon schwanden. „Langsam von Hundert abwärts zählen“, sagte die Wespe und flog davon.“
Das Rauschen eines Baches drang leise in mein Bewusstsein. Ich öffnete die Augen und sah mich an seinem Ufer liegen. Dichtes Gras umgab mich weich. Ein kleines Mädchen tauchte einen Lappen in sein kaltes Wasser, wrang ihn aus und legte ihn auf meine Stirn. Schmerzend pochten meine Schläfen. Ich fasste mir an den Kopf und fühlte einen Verband. „Was ist mit mir geschehen?“, fragte ich das Kind.
Es lächelte. „Alles wird gut. Es wird dir bald besser gehen.“
Ich sah mich um. „Wo bin ich?“
„Am Fluss des Lebens“, antwortete die Kleine.
Ich schloss die Augen und versuchte, den Schmerz in meinem Kopf zu ertragen. „Kennst du Gonar? Oder Edron? Oder Silgat? Oder Kust?“, fragte ich.
„Nein. Ich bin nur hier um auf dich aufzupassen während du aufwachst. Brauchst du ein Schmerzmittel?“
Ich nickte. Sie zog eine Spritze auf und schob mir die Nadel in den Handrücken. Kühle Flüssigkeit rann durch die Kanüle. Nach einer Weile ließ der Schmerz nach.
Die Kleine war verschwunden und ich war alleine. Das Rauschen des Baches versiegte in meiner Traurigkeit. Ich fühlte mich schwach wie nie zuvor in meinem Leben. Mein Puls dröhnte dumpf in meinem Kopf. Ich hatte keine Kraft mehr, die Augen länger offen zu halten.
Ein gleichmäßiges Piepen drang von irgendwoher an mein Ohr. Ich konnte es nicht zuordnen. Es roch nach Desinfektionsmittel. Jemand sagte etwas. Ich verstand es nicht, doch sein Tonfall klang besorgt. Eine Hand legte sich auf meine Stirn. Das Piepen wurde leiser, bis es sich schließlich in der Ferne verlor.
„Alan“, flüsterte ich. „Dein Name ist Alan.“
Plötzlich war er da. Er legte seine Flügel um mich und drückte mich an sich. Ich lächelte erleichtert. Sein betörender Duft umgab mich wie der Atem des Glücks. Ich koste mein Gesicht in sein weiches Gefieder. „Du stammst aus meiner Feder“, erinnerte ich mich. „Aber du siehst so anders aus.“
„Ich sehe so aus, wie du es dir heute vorstellst“, lächelte er. „Doch du kennst mein wahres Gesicht. Du hast es mir gegeben.“
„Ich hatte kein Glück mit dem Buch“, sagte ich traurig, „aber ich habe dich immer geliebt. Dich und all die Anderen, die ich in dieser Geschichte zum Leben erweckt habe.“
„Und sie alle lieben dich“, flüsterte er zärtlich. „Aber du darfst nicht zu uns. Noch nicht. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Du musst weiterschreiben.“
„Das Sha?“, fragte ich unwillig. „Aber das will doch keiner lesen.“
„Doch, das wollen sie. Sie wissen es nur noch nicht, aber sie brauchen dieses Buch.“ Seine Handschwingen streichelten mein Gesicht. Es tat so gut, ihn um mich zu haben. Ich wollte nicht, dass er mich je wieder losließ. Unendliche Zuversicht lag in seinem Blick. „Wir alle kämpfen für unsere Sache. Wir alle stehen hinter dir. Du darfst jetzt nur nicht aufgeben.“
„Ich möchte bei dir bleiben, Alan“, bat ich.
Er schüttelte den Kopf und küsste mich flüchtig. „Alles zu seiner Zeit.“
Er löste sich auf wie der Traum, dem er entstammte. Ich blieb allein zurück.
Die Schwester prüfte die Blutwerte und verglich sie mit denen meines Krankenblatts. „Es wurde auch Zeit, dass sie aufwachen“, sagte sie streng. „Wir haben und bereits große Sorgen gemacht.“
„Was ist passiert?“, wollte ich wissen.
„Na Sie sind gut. Sie sind wie eine Blinde über die Straße gegangen und in ein fahrendes Auto gelaufen. Sie können froh sein, dass Sie noch am Leben sind.“
Ich fasste an meinen Kopf. Er war verbunden. Ich lächelte.