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Wettbewerbe

Reh wo Lotion


von wortmeldung (Gast)

Gewinnertext des Schreibwettbewerbs "Revolution"


„Birgit! Wo ist meine Lotion?“
„Was??“
„Wo ist meine Lotion??“
„Was für ne Lotion?“
„Na meine, die von Oma zu Weihnachten! Sie stand immer da, wo jetzt das Reh steht!“

„Papi, das ist kein Reh, das ist Bambi. Da ist mein Schampoo drin!“

„Birgit!! Wo ist meine Lotion??“
„Ich komm ja schon!“
„Da! Da stand sie immer!“
„Ach, die meinst du. Die hab ich in die Abseite gestellt. Die hast du doch sowieso nie benutzt.“
„Kannst du sie mir bitte wiederbringen?“
„Ja, aber stell sie dann wieder weg!“
„Warum, in drei Gottes Namen, soll ich sie wieder wegstellen?!“
„Weil hier kein Platz mehr ist. Das siehst du doch.“

„Kein Platz??? Ein, zwei, ... 17 Fläschchen, Flakons, Döschen, Täschchen voller Lippenstifte etc., etc. Alles von dir!! Siebzehn! Und ein, zwei, ... acht Cremes, Schampoos und, was weiß ich, von Catharina. Und von mir? Nur noch ein Rasierer! ... Wo ist mein Rasierer?
'Natürlich auch in der Abseite. Ganz rechts oben.'

Ich hatte genug! Das mit meinem Hobbyraum und meinem alten 3er-BMW war noch okay gewesen. Dass meine Klamotten nach und nach vom Kleiderschrank in die nur mühsam zu öffnende Schublade unter mein Bett wanderten ... Man fügt sich in das scheinbar Unvermeidbare. Dass meine Frau keine Zeit mehr für mich hatte, weil sie unsere Tochter von Pontius bis Pilatus kutschierte und begleitete, ist auch nicht ohne ... gewisse Vorteile. Aber irgendwann ist genug! Jetzt ist Ende! Ende der Fahnenstange! Schluss mit lustig!

Den Familienrat brauchte ich nicht einzuberufen. Demokratie funktioniert in unserer Familie nicht. Null Minderheitenschutz! Keine Chance! Immer zwei Stimmen gegen meine! Oder sollte ich einmal mehr schweigend das Feld räumen? Kam überhaupt nicht in Frage! Überhaupt nicht! Kein Rückzug! Auf gar keinen Fall! Das würde meinen Damen nur signalisieren: Freie Fahrt voraus. Alles, was an mich erinnern könnte, würde innerhalb der kommenden Monate sukzessive in den Keller verbannt werden. Mein Bett käme als Letztes dran. Damit wäre ich komplett entsorgt.

Mein Entschluss stand fest. Ich sendete keine Signale. Eine erfolgreiche Revolution kündigt sich nicht an. Sie nutzt das Überraschungsmoment. Sie würde die Verhältnisse wieder gerade rücken. „Alle Macht den Entrechteten!“, skandierte ich mir wiederholt Mut zu. Ich summte die Internationale, gedachte Marx, Guevara und sogar Molotow und war zum Letzten wild entschlossen.

Zwecks Bewaffnung steuerte ich nach der Arbeit die nächstbeste Drogerie an und sodann eine Parfümerie, die ich sonst vielleicht ein Mal im Jahr aufsuchte, allerhöchstens drei Mal. Ich war auch wirklich zu blöd gewesen. Selbst schuld! Mindestens die Hälfte der 17+8 Gegenstände, um die es vordergründig ging, waren von mir erworben worden! Auch das würde sich mit den Verhältnissen ab sofort radikal ändern! Die Entwicklung meines revolutionären Bewusstseins erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt. Den point of no return!

Mit zwei vollen Plastiktüten schleppte ich mich unbemerkt in die Abseite und verstaute alles in der hintersten Ecke. Stunden später nutzte ich den Schutz der Nacht. Meine Lieben schliefen seelenruhig als ich auf leisen Sohlen meine Bataillone in Stellung brachte. Alle wohlriechend und insgesamt ein kleines Vermögen wert. Ich wanderte emsig zwischen Badezimmer und Abseite hin und her. Dann der große Moment.

Blitze durchzuckten das Dunkel. Ich schoss … Fotos. Meine Digitalkamera in Händen stattete ich meinen siegreichen Kampfgenossen einen offiziellen Besuch ab. Ich salutierte, als hätte ich nie den Wehrdienst verweigert und strahlte zufrieden vor mich hin. Jede Menge Herrendüfte, Anti-Aging-Creme, Peeling for men etc. Ich hatte Mitstreiter gefunden, von denen ich bislang nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existierten. Aus aller Herren Länder. Sie standen in Reih und Glied verteilt über alle Freiflächen des Badezimmers. Jeder strategisch wichtige Platz war besetzt, ausnahmslos. Von den Feinden keine Spur. Sogar Bambi war verschwunden!

Es hatte keinen Widerstand gegeben. Eine perfekte und unblutige Revolution! Die Konterrevolution von rechts (rechts von mir lagen Schlafzimmer und nichts ahnende Gattin) würde bis morgen auf sich warten lassen. Aber auch nicht länger, soviel war sicher. Für den Moment aber und für diese Nacht hatte die Revolution gesiegt.

Ich würde gut schlafen, so gut wie lange nicht mehr. Und träumen. Von der aufrecht stehenden Lotion. Von dem Ort, an dem vor wenigen Minuten noch das Reh stand.


Schreibwettbewerb: Revolution


Am 14. Juli jährt sich zum 219. Mal der Sturm auf die Bastille - und, wie mir eben erst klar gemacht wurde: am 14. Juni (also in einer Woche) wäre Che Guevara 80 geworden, wenn er denn noch lebte.

Anlässe kann man ohnehin immer finden, wenn man danach sucht. Worum es geht ist aber das Thema, und das lautet diesmal: REVOLUTION!

Lyrik oder Prosa, ernst oder satirisch, ganz egal. Auch Songtexte können eingereicht werden. Was immer euch zum Thema einfällt: Schreibt eine Revolution.

Teilnahmeberechtigt ist jeder, der Lust hat und schreiben kann.
Einreichschluss: 30. Juni 2008, 18:48

"Jury" sind die Mitglieder des Forums Literarchie, bewertet werden die einzelnen Texte, und zwar bis zum 13. Juli.
Ab 14. Juli wird dann der Gewinnertext hier im Blog und auf der Startseite des Forums präsentiert.

Eure Texte könnt ihr » hier (im Wettbewerbsforum) posten.

Marianne


alex anders denken


von Der Ohrenschützer

Gewinnertext des Schreibwettbewerbs "Verrückt"


A  L  E  X     A  N  D  E  R  S     D  E  N  K  E  N

g  l  i  g  b     n  f  s  a     n  a  n  n  n
e  a  s  e  l     e  r  e  j     e  m  e  e  e
h  e  t  h  e     i  a  n        t  A  r  f  h
t  u     t  i     n  u  n        s  R  h  u  c
   t  b     b           a        o  D  a  a  d
s  e  e  h  t        i  m              f  k  e
o  t  s  e           m           m  N        a
n     u  u  s           s        i  A  t  e  m
n  A  c  t  e        k  e              u  u
e  L  h  e  h        o  n        e  X  a  e  s
   E        r        e  i        n  E  h  n  e
i  X  g  n           r  e        n  L        s
m     e  i  b        p           o  A  r  h  o
   A  r  c  r        e           s     e  c  e
w  N  n  h  a        r              t  d  i  b
e     e  t  v                    t  r     s
s  D        e                    e  e  s     d
t  E  g  u  r                    t  n  u  s  r
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n     s     j                    l  i     u  w
   t  e  g  u                    b  r  l  m    
a  u  h  e  n                       e  l      
u  e  e  l  g                          i     
f  r  n  d  e                          w     


» zum Text mit Kommentaren im Forum


Schreibwettbewerb im April: Verrückt


Eines Tages ging die Sonne plötzlich im Westen auf. Die meisten Menschen dachten erst, das sei nur ein verrückter Traum. Es konnte ja nicht wahr sein. Sowas gab es einfach nicht.
Doch es war so. Die Erde hatte ihre Umdrehungsrichtung geändert - einfach so. Niemand konnte es sich erklären.
Nach einer Weile hörten die Sensationsmeldungen auf, die Leute gewöhnten sich daran und nur noch die Wissenschaftler beschäftigten sich mit dem ungewöhnlichen Phänomen. Es schien alles wieder beim Alten. Und doch ...


... und doch hatte sich eine ganze Menge geändert.

Was?

Nun ist eure Fantasie gefragt. Erfindet eine Geschichte. Es darf auch ein Gedicht sein.

~ * ~

Teilnahmeberechtigt sind wie immer Forenmitglieder und Gäste, jeder kann beliebig viele Texte einreichen, auch anonym.

Einreichschluss: Mittwoch, der 30. April, 24:00 Uhr.

Die Texte können » hier eingestellt werden.

Der Gewinnertext wird diesmal über individuelle Bewertung jedes einzelnen Textes ermittelt, sollte am 8. Mai feststehen und wird dann wieder befristet auf der Startseite des Forums und unbefristet hier im Blog ausgestellt werden.

Und nun ... viel Spaß beim Schreiben!


Wenn man keine Einfälle hat


oder
Wettbewerbe können motivieren, aber auch sehr nervig sein

von Ich bin zwei Öltanks

Gewinnertext des Osterwettbewerbs (ex aequo)



Es hast der Hase....
Was ein Scheiß!
"Du, hassu Mörchen?!"
Geistverschleiß.
Es hüpft und... hoppla.
Steiß auf Bein.
Darnieder liegt
das arme Schwein.

Solch Hasen, sie grienen wie Bienen in Minen.

Endreime min hoffärtig Pli!

Entmoppeln durch Hoppeln, die Stoppeln verdoppeln

Apartheit dank blutigem Knie.

Hebebühne Hirnsturmpuste.
Falscher Has' als Minn' serviert.
Gäste, freßt 'de Reste! Huste
muhste? Spuck, sonst Brust blockiert!


Hasen sind zum Schlemmen da. Huppheidi und trallala.
Auch zum Sodomieren kann man sie rasieren.
Reime machen keinen Spaß, tingeltangel Nervengas,
wenn ich sie benuhhhhtze Möchtigkeit zum Truhhhhtze.
Erstrebst du ein Gedicht, du Wicht?
Ein Gedicht über Hasen samt Phrasen?
Zwergnasi zwingt Hasi zur Hasistasi? Wenn Hasen auf Rasen Ekstasen ergrasen... ?!?

Dann tu mir einen blasen. Wie all meine Hasen...


Gefälliger Schluß: Hasenerguß.


Häresie


von Drakan (Gast)

Gewinnertext des Osterwettbewerbs (ex aequo)


Hase sei mein Gott.
Haken statt Hassan schlagen, mümmeln statt verstümmeln.
Leben lassen, was mich leben lässt. Formschöne Löffel statt Bogenohren, Fellflaum statt Pickel in den Poren. Häsheit, füg dich, angeboren.
Elegie halb Nörgelei. Leg mir ein Ei.

Hase sei mein Gott. Sein Reich sei die Grüne.
Grau und schwarz, verbanne euch!
VERBANNT MÖGET IHR SEIN!

VERBRANNT! Die Flamme, sehe, sie schreit.
Schrei heraus, das Feuer. Das Wasser.
Luft, erfrischt Denken und Zeit. Zeit sei vorbei.
Verfaule, sei Ei.
Der Erde zum Wohle.


Osterwettbewerb


Die Wettbewerbsreihe wird fortgesetzt. Gäste sind herzlich eingeladen, mitzumachen!

Bitte schreibt eine Hasengeschichte oder ein Hasengedicht. Lustig oder traurig, ganz egal. Es sollte irgendwas mit Hasen zu tun haben. Es müssen keineswegs Osterhasen sein! Erlaubt ist, was gefällt.

Einsendeschluss ist Donnerstag, der 13. März 2008, 12:00 Uhr. Danach stimmen wir wieder eine Woche lang ab (stimmberechtigt sind alle angemeldeten Forenmitglieder) und ab dem 20. März (Gründonnerstag) steht der Gewinnertext hier im Blog (bis auf Widerruf durch den Urheber) und eine Woche lang auf der Startseite des Forums.

Eure Texte könnt ihr » hier posten.

Hase2

Viel Spaß!


Gabor


von Sabeth

Gewinnertext des Literarchie-Wettbewerbs "Let me be your Valentine" 2008


Es kann keinen Gott geben, sagt mein Vater. Immer wenn er diesen Satz sagt, gräbt sich die Zeit in sein Gesicht und er hat noch mehr Falten. Während der Nazizeit war mein Vater Kommunist gewesen. Seit dieses Land kommunistisch ist, ist er kein Kommunist mehr. Aber an Gott glaubt mein Vater nicht. Ich muss trotzdem zur Religionsstunde. Wegen der Bildung, sagt er.
Ich gehe jeden Donnerstag zur Religionsstunde in die Wohnung meiner besten Freundin. Wir sind zu viert. Meine Freundin, die in meine Klasse geht, ihr Bruder, der zwei Jahre älter ist. Und ich. Und Gabor.
Bevor ich zur Religionsstunde gehe, ziehe ich ein unbequemes, schönes Kleid an. In meine Zöpfe binde ich bunte Schleifen. Sie baumeln neben meinen Hüften, wenn ich geh.
Gabor und ich sind schon früher da. Zufällig, weil es uns langweilig war. Der Religionslehrer ist ein Priester. Er kommt später. Manchmal eine Stunde nach der Zeit.

Der Vater meiner Freundin ist Maler. Er bewohnt ein Atelierzimmer, das größer ist als die ganze übrige Wohnung. Er malt nur Frauen. Wenn ich eine Frau bin, wird er mich auch malen. Wegen meiner rötlichblonden Zöpfe. Wenn ich eine Frau bin, habe ich keine Zöpfe mehr.
Richtige Frauen tragen ihr Haar lang. So denkt der Vater meiner Freundin über Frauen. In Wahrheit ist er Zeichen- und Geometrielehrer. Daran, dass er kein richtiger Maler ist, sind die Kommunisten schuld. Und der Hitler, weil er den Krieg verloren hatte.
Der Vater meiner Freundin sammelt chinesische Kleinmöbel. Sie sind alt und könnten Puppenmöbel sein. Sind aber unnütz. Wenn der Vater meiner Freundin ein chinesisches Kästchen kauft, kommt meine Freundin wochenlang ohne Pausenbrot in die Schule. Wäh-rend ich mein Butterbrot esse, schaut sie zum Fenster hinaus. Ihre Augen sehen wie frisch geschlüpfte Rosskastanien aus. Und als sehnten sie sich fort aus ihrem Gesicht.
Magst abbeißen?
Nein.
Meine Freundin trägt ein weites Kleid und hat keine Figur darunter.
Wenn ihr Vater gute Laune hat, darf ich ein chinesisches Türchen öffnen. In dem Kästchen liegt Staub. Sonst kann ich nichts sehen.
Schön. Und ich habe ein verlogenes Gefühl. Die Mutter meiner Freundin kocht am Abend verschrumpelte Semmeln in einer wässerigen, gezuckerten Milch zu einem Brei. Wenn sie den Brei essen, brauchen sie ihre Zähne nicht.

Gabor und ich sind zufällig schon früher da. Wir stehen im Atelierzimmer und betrachten das Bildnis einer ehemaligen Gräfin. Die Gräfin ist hässlich. Der Vater meiner Freundin sagt, die Gräfin sei eine Schönheit. Wir sprechen über die Schule, über Noten.
Wenn ein Junge eine schlechte Note in Betragen hat, ist das mutig, sagt Gabor. Mädchen, die eine schlechte Note in Betragen haben, sind wahrscheinlich unmoralisch.
Ich habe eine Drei in Betragen. Als ich ihm das sage, wird er ganz rot im Gesicht. Aus den Poren auf seiner Nase sprießen Wasserbläschen.
Für dich gilt das nicht. Gabor starrt ins Dekollete der ehemaligen Gräfin. Ehrlich, wirklich wahr. Ich habe trotzdem Angst, dass ich jetzt unmoralisch bin.
Gabor ist größer als wir. Er hat kräftigere Knochen und ist überhaupt nicht mager. Früher hätte er mir nicht gefallen. Wegen seiner semmelblonden Haare. Seit ich zur Religionsstunde gehe, gefallen mir nur noch semmelblonde Haare. Nach der Schule übe ich meine spätere Unterschrift. Weil ich später so heißen werde wie er.
Ich schreibe meine spätere Unterschrift schon viel flüssiger als meine jetzige. Ich kann meine spätere Unterschrift schon so gut schreiben, dass sie unleserlich ist.

Gabor und ich stehen im Atelierzimmer. Die ehemalige Gräfin ist jetzt noch hässlicher als vor einer Woche. Sie trägt eine Perlenkette auf ferkelrosa Haut. Die ehemalige Gräfin schielt jetzt.
Glaubst du an Gott, sagt Gabor.
Ja. (In Wahrheit habe ich noch nie darüber nachgedacht. Aber das sage ich ihm nicht.)
Früher habe ich nicht an Gott geglaubt, sagt Gabor.
Und warum glaubst du jetzt an ihn?
Weil aus Wasser Eis wird. Dass es wird, ist Gott.
Ich denke, das ist physikalisch.
Überlege es dir, dass es w i r d.
Ich fühle, dass ich dumm bin. Die ehemalige Gräfin hat ein flaches Gesicht, als wäre es ein Blatt.

Gabor ist anders als wir. Reifer. Mit seinem Vater spricht er seit Monaten nicht mehr. Für das kommende Schuljahr hat ihn sein Vater in einem Internat angemeldet. Das ist Gabor egal. Er zuckt mit den Schultern und pfeift dazu. Er kneift die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und blinzelt in das Vogelgezwitscher hinaus. Als könnte er es sehen.
Der Vater von Gabor ist Hilfsarbeiter. Obwohl er einen Doktortitel hat.

Unser Priester spricht über das Sakrament der Ehe. Das ist sein Lieblingsthema. Er war noch nie verheiratet. Die Ehen, über die der Priester erzählt, klingen wie Märchen. In seinen Ehen haben alle das reine Herz. Auch die Kinder.
Die Ehen, die ich kenne, sind anders. In unserem Mietshaus wohnt in jeder Wohnung eine Ehe. In manchen Wohnungen wohnen eineinhalb. Eine geschiedene und eine richtige. In diesen Wohnungen tobt das lauteste Geschrei. Die Kinder spucken vom fünften Stock in den Hof hinunter. Sie zielen auf das Kopftuch der Hausmeisterin. Dann verstecken sie sich. Wenn sie gefunden werden, kriegen sie Schläge.

Der Priester erzählt ein Ehemärchen. Bevor das Ehepaar, das das reine Herz hat, ein Kind zeugt, isst es Rühreier und Kopfsalat dazu. Der Esstisch ist sauber gedeckt. Neun Monate nach diesem Essen kommt ein Baby auf die Welt. Eines mit dem reinen Herzen im Geschrei. Aber was gleich nach diesem Essen geschieht, das sagt der Priester nicht.

Gabor sitzt neben mir. Er schaut auf meine Wange. Sein Schauen ist ein Gefühl. Ich drehe mein Gesicht in dieses Schauen hinein.
Unsere Blicke verheddern sich ineinander.
Der Priester hört zu sprechen auf.
Er räuspert sich. Er schweigt. Er räuspert sich.
Meine Freundin grinst.
Ihr Bruder starrt zur Zimmerdecke hinauf. Von der Decke hängen Spinnweben herunter.
Der Priester hat jetzt ein sympathisches Gesicht. Und leise Worte. Manche schmunzeln.

Meine Freundin und ich kichern schon seit einer halben Stunde, weil ich eine Lehrerin nachmache, die wir gemeinsam hassen. Ihr Bruder liegt auf dem Parkettboden und liest Karl May.
Verschwindet, und er wirft einen Hausschuh in unser Gekicher hinein.
Wegen dir verschwindet nicht einmal eine Maus. Der Hausschuh fällt auf den Esstisch.
Der Bruder meiner Freundin setzt sich auf. Er hat ein spöttisches Gesicht.

Unsere Freundschaft fing vor sieben Jahren an, als er mich nach der Schule auf der Straße verprügelte, weil ich seine Schwester am Vortag ausgelacht hatte. Am nächsten Tag wurden wir Freundinnen. Seither streite ich mit ihm. Aber er tut mir nichts mehr.

Ich weiß etwas, sagt der Bruder meiner Freundin. Das wird dich interessieren.
Was weißt du?
Gabor.
Was? und mein Mund bleibt offen.
Er wollte wissen, wie du bist, sagt der Bruder meiner Freundin.
Was hast du gesagt? und ich nehme den Hausschuh in die Hand.
Dass du in Ordnung bist.
Was? und ich drehe den Hausschuh zu einer Spirale.
Du gefällst ihm, sagt der Bruder meiner Freundin.
Ist das wirklich wahr?
Der Bruder meiner Freundin legt sich auf den Parkettboden und nimmt den Karl May in die Hand.
Schwöre. Der Bruder meiner Freundin lügt nicht. Auch wir lügen nicht. Wenn wir trotzdem lügen, sind wir in Gefahr.
Schwöre.
Es ist wirklich wahr, sagt meine Freundin.

Ich gehe nach Haus, läute und grüße nicht. Ich laufe durch den finsteren Gang in das große Zimmer hinein und schreie, so laut wie ich noch nie einen Menschen schreien gehört hatte, es ist wahr. Dann laufe ich in das kleinere Zimmer hinein und durch das Bad wieder in den Flur hinaus und in ein mittleres Zimmer, schreiend, es ist wahr. Meine Schwester sitzt in einer Ecke und liest ein Kinderbuch. Sie tippt mit ihren Zeigefingern an ihre Schläfen. Gestern hätte sie selbst einen Zeigefinger büßen müssen. Heute umarme ich sie

Gabor ging im nächsten Schuljahr ins Internat. Wir trafen uns noch einmal. Ein Jahr später, in den Ferien.
Du bist gewachsen.
Ja. Ich schaute in die Kastanien, als wollte ich etwas sehen dort.
Du hast kurze Haare.
Die Zöpfe waren schon kindisch.
Mein Vater spinnt noch immer.
Ich schaute in Gabors Gesicht. Am Straßenrand schrie ein Melonenverkäufer seine Preise in die Luft. Gabor hatte semmelblonde Bartstoppeln um seinen Mund herum. Und eine Stimme wie ein Mann.
Ich hatte damals Angst, dass er mich küssen würde. Ich hatte damals Angst, dass er mich gar nicht küssen wollte.

Ein paar Monate später ging ich auch in ein Internat. Das Internat war in einem anderen Land. Meine Freundin schrieb mir:

Gabor lebt wieder zu Hause. Er lässt dich grüßen. Wir waren in der Oper. Zu dritt. Bist du eifersüchtig?

Gabor liegt im Krankenhaus. Er lässt dich grüßen.

Gabor ist wieder zu Hause. Er sieht ganz anders aus.

Wir besuchten Gabor im Krankenhaus. Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein.

Gabor starb im Januar.


» zum Originaltext im Forum


Schreibwettbewerb zum Valentinstag (auch für Gäste!)


Am 14. Februar ist Valentinstag.

Unsereins kauft Blümchen für teure Tanten - unsere Freunde von Übersee schreiben seit eh und jeh Liebesbriefe. Warum nicht auch mal eine LIEBENSwürdige Unsitte von jenseits des großen Teichs kopieren?

Lasst euch was Liebes einfallen. Erlaubt ist, was gefällt. Es darf kitschig sein. Egal ob Lyrik oder Prosa, gereimt oder ungereimt:

Let me be your Valentine!

(Also eben: Liebesgedichte, fiktive Liebesbriefe, Liebesgeschichten ...)

Ablauf:
  • Texte können bis zum 6. Februar, 12:00 Uhr eingestellt werden, und zwar im » Unterforum "Wettbewerbstexte". WICHTIG: Auch Gäste können mitmachen!
  • Vom 6. bis zum 13. Februar findet die Auswertung statt (geheime Abstimmung mittels Umfrage, stimmberechtigt sind alle Forenmitglieder).
  • Der Siegertext wird hier im Blog veröffentlicht und steht ab dem 14. Februar eine Woche lang auf der Startseite des Forums.
Der Wettbewerb soll vor allem eins: Spaß machen :).



Der schönste Tag des Jahres


von Ich bin zwei Öltanks
Gewinnertext des literarchischen Weihnachtswettbewerbs 2007


Es massen sich Menschen vor knisternd Geprassel.
Des Kellers Geassel
kriecht zärtlich hinzu.
Die Socken, sie locken. Die Kinderlein hocken
gelangweilt bei Opa
mit krustigem Schuh.

Die Zeit wird verbimmelt, der Stollen vergammelt,
Rabimmel, Rabammel,
Radummlabbabumm.
Der Onkel erzählt von gar schmerzhaften Fürzen,
die Oma hat Ischias,
die Mama säuft Rum.

Da kommen die Nachbarn, verhaßt und veleugnet,
"Isch mag diese Leut' net!"
sagt Papa zu Hans.
Nach vielem Gebussel, Getratsch und Geschussel
wird freudig geseufzt
über Pöbels Distanz.

Der Opa kriegt Hemden, die Oma aus Emden
darf endlich verfremden
die Falten am Arsch.
Die Kinder freuts ehrlich, weil, endlich entbehrlich,
entlassen sie werden
samt Tinnef. Und Marsch!

Christbäumlein glänzt billig, nur Gaby ist willig
erneut zu betonen
wie schön er doch sei.
Die Plätzchen sind Felsen, in röchelnden Hälsen
die Puten verbluten
samt Kohlknödelbrei.

"Die Ulla is blöde, der Rolf furchtbar öde,
und Freimut fraß fünfmal
soviel wie erlaubt."

Die Heimfahrt nach Wetzel: orales Gemetzel!
Im nächsten Jahr wirds wieder
schön! Wer dran glaubt....


» zum Originaltext im Forum


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Danke schön!
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