von
hwg
26.Apr.09
Wir Zeitungsschreiber kommen ja viel herum und sind auch Besucher so genannter gesellschaftlicher Highlights. Unlängst gab es ein solches in einem namhaften Restaurant, wo sich die Prominenz aus Wirtschaft und Politik traf, um sich an einem Festmahl zu delektierten.
„Der Champagner ist doch etwas flach“, urteilte die Hofrätin und spitzte dabei ihr Mündchen. Der Gastgeber überhörte den Hinweis nobel, dafür erklärte er ausführlich die Vorzüge der extra eingeflogenen frischen Seefische.
Dem ganz in Schwarz gekleideten Generaldirektor fiel dazu eine Zubereitungsart ein, die er während seines Urlaubs an der Nordsee erfahren hatte. Danach kreisten die Gespräche der Damen und Herren um so weltbewegende Fragen wie die nach dem Erwärmungsgrad von Trüffel, warum sich Hummer so gut mit Wirsing verbinden lässt und wie hoch der Preis für Kaviar gestiegen ist.
Eigentlich ist es ja prima, mit Leuten am Tisch zu sitzen, denen es zumindest wirtschaftlich und gesellschaftlich gut geht. Aber in letzter Zeit wird mir immer stärker ein Phänomen bewusst, das ich mit „Kulinarischem Prestigegehabe“ umschreibe. Aber das Festmahl sollte wohl das außergewöhnliche Ansehen des Gastgebers unterstreichen.
Irgendwann kamen die Erdäpfel zu ihrem Auftritt. Sie waren nicht einfach klein und einigermaßen rund, sondern püriert einer Gänsestopfleber beigegeben. Kleine Raffinesse eines Sterne-verdächtigen Ganges, den die Hofrätin sofort als „Ètouffé-Täubchen auf Kartoffel-Gänsestopfleber-Mousseline mit Blutwurst-Apfel-Wan Tan“ diagnostizierte. Niemand widersprach ihr.
Himmel, hilf, flehte ich und versank in der Üppigkeit des französischen Rotweines. Ich gab mich kulinarischen Erinnerungen hin. Wie wir in unserer Jugend oft zum Spaghetti-Essen zusammenkamen, die Sauce Bolognese „gerecht“ verteilten, dazu einen Valpolicella aus der Eineinhalb-Liter-Flasche tranken. Es waren herrliche Essen, wir redeten über Gott und die Welt, es schmeckte hinreißend.
An diesem Abend im Nobelrestaurant, wo die Gästenamen fast so hochklassig klangen wie die Zutaten, überkam mich eine tiefe Sehnsucht nach kulinarischer Einfachheit. Nach Krautfleckerln, über die sich die Gäste gut gelaunt hermachen. Als ich zu Hause ankam, hatte ich den unwiderstehlichen Drang, mir in der Küche noch eine Scheibe Brot abzuschneiden und dick mit Leberwurst zu bestreichen – garantiert nicht getrüffelt.
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Liter-A-rchie - 28.Jun.09 14:50 - Rubrik:
Leseproben