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ich übernehme


von rosste
(13.Dez.06)


zurück ihr dunklen altersschwachen
kasperl soll sich legen
viel zu lang
war er auf szene
mit seinem farbigen holzkopf
hat er mir doch theater gespielt
der böße wolf
der ständig provoziert
und käpprotchen in ihrer ohnmacht
simsalabim in die kiste
bei bedarf hol ich euch
und lass euch spielen
gegeneinander wie im märchen
ich bin jäger
und schlafe nicht
den rotwein könnt ihr saufen
eines tages sitzen wir an einem tisch
an meinem


» Originalbeitrag und Kommentare im Forum


Reh wo Lotion


von wortmeldung (Gast)

Gewinnertext des Schreibwettbewerbs "Revolution"


„Birgit! Wo ist meine Lotion?“
„Was??“
„Wo ist meine Lotion??“
„Was für ne Lotion?“
„Na meine, die von Oma zu Weihnachten! Sie stand immer da, wo jetzt das Reh steht!“

„Papi, das ist kein Reh, das ist Bambi. Da ist mein Schampoo drin!“

„Birgit!! Wo ist meine Lotion??“
„Ich komm ja schon!“
„Da! Da stand sie immer!“
„Ach, die meinst du. Die hab ich in die Abseite gestellt. Die hast du doch sowieso nie benutzt.“
„Kannst du sie mir bitte wiederbringen?“
„Ja, aber stell sie dann wieder weg!“
„Warum, in drei Gottes Namen, soll ich sie wieder wegstellen?!“
„Weil hier kein Platz mehr ist. Das siehst du doch.“

„Kein Platz??? Ein, zwei, ... 17 Fläschchen, Flakons, Döschen, Täschchen voller Lippenstifte etc., etc. Alles von dir!! Siebzehn! Und ein, zwei, ... acht Cremes, Schampoos und, was weiß ich, von Catharina. Und von mir? Nur noch ein Rasierer! ... Wo ist mein Rasierer?
'Natürlich auch in der Abseite. Ganz rechts oben.'

Ich hatte genug! Das mit meinem Hobbyraum und meinem alten 3er-BMW war noch okay gewesen. Dass meine Klamotten nach und nach vom Kleiderschrank in die nur mühsam zu öffnende Schublade unter mein Bett wanderten ... Man fügt sich in das scheinbar Unvermeidbare. Dass meine Frau keine Zeit mehr für mich hatte, weil sie unsere Tochter von Pontius bis Pilatus kutschierte und begleitete, ist auch nicht ohne ... gewisse Vorteile. Aber irgendwann ist genug! Jetzt ist Ende! Ende der Fahnenstange! Schluss mit lustig!

Den Familienrat brauchte ich nicht einzuberufen. Demokratie funktioniert in unserer Familie nicht. Null Minderheitenschutz! Keine Chance! Immer zwei Stimmen gegen meine! Oder sollte ich einmal mehr schweigend das Feld räumen? Kam überhaupt nicht in Frage! Überhaupt nicht! Kein Rückzug! Auf gar keinen Fall! Das würde meinen Damen nur signalisieren: Freie Fahrt voraus. Alles, was an mich erinnern könnte, würde innerhalb der kommenden Monate sukzessive in den Keller verbannt werden. Mein Bett käme als Letztes dran. Damit wäre ich komplett entsorgt.

Mein Entschluss stand fest. Ich sendete keine Signale. Eine erfolgreiche Revolution kündigt sich nicht an. Sie nutzt das Überraschungsmoment. Sie würde die Verhältnisse wieder gerade rücken. „Alle Macht den Entrechteten!“, skandierte ich mir wiederholt Mut zu. Ich summte die Internationale, gedachte Marx, Guevara und sogar Molotow und war zum Letzten wild entschlossen.

Zwecks Bewaffnung steuerte ich nach der Arbeit die nächstbeste Drogerie an und sodann eine Parfümerie, die ich sonst vielleicht ein Mal im Jahr aufsuchte, allerhöchstens drei Mal. Ich war auch wirklich zu blöd gewesen. Selbst schuld! Mindestens die Hälfte der 17+8 Gegenstände, um die es vordergründig ging, waren von mir erworben worden! Auch das würde sich mit den Verhältnissen ab sofort radikal ändern! Die Entwicklung meines revolutionären Bewusstseins erreichte seinen vorläufigen Höhepunkt. Den point of no return!

Mit zwei vollen Plastiktüten schleppte ich mich unbemerkt in die Abseite und verstaute alles in der hintersten Ecke. Stunden später nutzte ich den Schutz der Nacht. Meine Lieben schliefen seelenruhig als ich auf leisen Sohlen meine Bataillone in Stellung brachte. Alle wohlriechend und insgesamt ein kleines Vermögen wert. Ich wanderte emsig zwischen Badezimmer und Abseite hin und her. Dann der große Moment.

Blitze durchzuckten das Dunkel. Ich schoss … Fotos. Meine Digitalkamera in Händen stattete ich meinen siegreichen Kampfgenossen einen offiziellen Besuch ab. Ich salutierte, als hätte ich nie den Wehrdienst verweigert und strahlte zufrieden vor mich hin. Jede Menge Herrendüfte, Anti-Aging-Creme, Peeling for men etc. Ich hatte Mitstreiter gefunden, von denen ich bislang nicht einmal wusste, dass sie überhaupt existierten. Aus aller Herren Länder. Sie standen in Reih und Glied verteilt über alle Freiflächen des Badezimmers. Jeder strategisch wichtige Platz war besetzt, ausnahmslos. Von den Feinden keine Spur. Sogar Bambi war verschwunden!

Es hatte keinen Widerstand gegeben. Eine perfekte und unblutige Revolution! Die Konterrevolution von rechts (rechts von mir lagen Schlafzimmer und nichts ahnende Gattin) würde bis morgen auf sich warten lassen. Aber auch nicht länger, soviel war sicher. Für den Moment aber und für diese Nacht hatte die Revolution gesiegt.

Ich würde gut schlafen, so gut wie lange nicht mehr. Und träumen. Von der aufrecht stehenden Lotion. Von dem Ort, an dem vor wenigen Minuten noch das Reh stand.


l i t b e e b r e e a b t e u i r l


traumadesanonymen.twoday.nettimo dichtet, fotografiert und macht (eigene) Musik. Etliche Kostproben seiner Kreativität sind auf seinem Blog mit dem kryptischen Titel zu finden, dessen Webadresse eigentlich "Trauma des Anonymen" lautet.


http://traumadesanonymen.twoday.net/


crowde(a)d


von namaqool
(05.Jun.07)


heraus aus der
menschenmenge

*

eine krähe tot am strassenrand
bordsteinnah verrenkt entstellt
teils federarm

auf gequetschtem torso reifen
spuren - die flügel viel zu
vielgelenkig

...


» weiterlesen


Wildwechsel


von Minouche
(21.Feb.08)

...

Die Tränen des jungen Mannes liefen aus seinen Augen die Wangen herunter, sammelten sich am Kinn zu dicken Tropfen, die auf den Kragen des Anoraks fielen und weiterliefen über den glatten Stoff hinunter bis zu seinen Beinen, wo sie im Stoff der Hose versickerten. Die Hände des Mannes lagen ruhig in seinem Schoß verschlungen. Langsam bahnte sich ein Blutstropfen zwischen den verflochtenen Fingern einen Weg auf seine Hose, in der er ebenso schnell versickerte wie die Tränen, jedoch einen kleinen dunklen Fleck hinterlassend. Ein weiterer Blutstropfen folgte mit der gleichen Stetigkeit, in der die Tränen in den Stoff sickerten. Neben dem Mann lag eine scharfzackige Glasscherbe, die die spätnachmittaglichen Sonnenstrahlen durch blutige Schlieren rosarot reflektierte.

Fasziniert stand das kleine Mädchen auf der hölzernen Brücke, die sich fast in japanischem Stil über den kleinen Bach schwang, der das waldige Tal in zwei Hälften teilte und sah den jungen Mann an. Er sah so seltsam aus, wie er dasaß mit zurückgeworfenem Kopf. Er weinte, und er schien sich wehgetan zu haben, denn er blutete auch in zwei kleinen schmalen roten Schlieren auf seine Hose. Er war seltsam angezogen und sah so alt aus, wie manche alte Leute sich anzogen. Doch sein Gesicht war jung. Ein alter, und irgendwie doch junger Mann.

...


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Schreibwettbewerb: Revolution


Am 14. Juli jährt sich zum 219. Mal der Sturm auf die Bastille - und, wie mir eben erst klar gemacht wurde: am 14. Juni (also in einer Woche) wäre Che Guevara 80 geworden, wenn er denn noch lebte.

Anlässe kann man ohnehin immer finden, wenn man danach sucht. Worum es geht ist aber das Thema, und das lautet diesmal: REVOLUTION!

Lyrik oder Prosa, ernst oder satirisch, ganz egal. Auch Songtexte können eingereicht werden. Was immer euch zum Thema einfällt: Schreibt eine Revolution.

Teilnahmeberechtigt ist jeder, der Lust hat und schreiben kann.
Einreichschluss: 30. Juni 2008, 18:48

"Jury" sind die Mitglieder des Forums Literarchie, bewertet werden die einzelnen Texte, und zwar bis zum 13. Juli.
Ab 14. Juli wird dann der Gewinnertext hier im Blog und auf der Startseite des Forums präsentiert.

Eure Texte könnt ihr » hier (im Wettbewerbsforum) posten.

Marianne


Niemand kennt mein Grab


von t.a.j.
(24.Apr.08)


Die dunklen Jahre kann ich nicht mehr zählen,
kein Tag durchbricht die ewig kalte Nacht.
Als letztes Bild sah ich sie mich noch pfählen,
dann warf man mich in diesen tiefen Schacht.

Ich sehne mich zugleich nach Tod und Leben,
Mich dürstet noch nach bittersüßem Blut.
Werd ich mich je aus diesen Loch erheben?
Erlischt zuvor die unheilvolle Glut?

Zu lange schon von Staub und Zeit begraben
Was nutzen da des Teufels große Gaben
Wenn ich nur Würmer zur Gesellschaft hab.

Man kennt mich nicht mehr, nur die alten Sagen
erzählen noch von meinen großen Tagen
Nun lieg ich still und niemand kennt mein Grab.


» zum Originaltext mit Kommentaren - oder als Hörtext


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