Gabor
von Sabeth
Gewinnertext des Literarchie-Wettbewerbs "Let me be your Valentine" 2008
Es kann keinen Gott geben, sagt mein Vater. Immer wenn er diesen Satz sagt, gräbt sich die Zeit in sein Gesicht und er hat noch mehr Falten. Während der Nazizeit war mein Vater Kommunist gewesen. Seit dieses Land kommunistisch ist, ist er kein Kommunist mehr. Aber an Gott glaubt mein Vater nicht. Ich muss trotzdem zur Religionsstunde. Wegen der Bildung, sagt er.
Ich gehe jeden Donnerstag zur Religionsstunde in die Wohnung meiner besten Freundin. Wir sind zu viert. Meine Freundin, die in meine Klasse geht, ihr Bruder, der zwei Jahre älter ist. Und ich. Und Gabor.
Bevor ich zur Religionsstunde gehe, ziehe ich ein unbequemes, schönes Kleid an. In meine Zöpfe binde ich bunte Schleifen. Sie baumeln neben meinen Hüften, wenn ich geh.
Gabor und ich sind schon früher da. Zufällig, weil es uns langweilig war. Der Religionslehrer ist ein Priester. Er kommt später. Manchmal eine Stunde nach der Zeit.
Der Vater meiner Freundin ist Maler. Er bewohnt ein Atelierzimmer, das größer ist als die ganze übrige Wohnung. Er malt nur Frauen. Wenn ich eine Frau bin, wird er mich auch malen. Wegen meiner rötlichblonden Zöpfe. Wenn ich eine Frau bin, habe ich keine Zöpfe mehr.
Richtige Frauen tragen ihr Haar lang. So denkt der Vater meiner Freundin über Frauen. In Wahrheit ist er Zeichen- und Geometrielehrer. Daran, dass er kein richtiger Maler ist, sind die Kommunisten schuld. Und der Hitler, weil er den Krieg verloren hatte.
Der Vater meiner Freundin sammelt chinesische Kleinmöbel. Sie sind alt und könnten Puppenmöbel sein. Sind aber unnütz. Wenn der Vater meiner Freundin ein chinesisches Kästchen kauft, kommt meine Freundin wochenlang ohne Pausenbrot in die Schule. Wäh-rend ich mein Butterbrot esse, schaut sie zum Fenster hinaus. Ihre Augen sehen wie frisch geschlüpfte Rosskastanien aus. Und als sehnten sie sich fort aus ihrem Gesicht.
Magst abbeißen?
Nein.
Meine Freundin trägt ein weites Kleid und hat keine Figur darunter.
Wenn ihr Vater gute Laune hat, darf ich ein chinesisches Türchen öffnen. In dem Kästchen liegt Staub. Sonst kann ich nichts sehen.
Schön. Und ich habe ein verlogenes Gefühl. Die Mutter meiner Freundin kocht am Abend verschrumpelte Semmeln in einer wässerigen, gezuckerten Milch zu einem Brei. Wenn sie den Brei essen, brauchen sie ihre Zähne nicht.
Gabor und ich sind zufällig schon früher da. Wir stehen im Atelierzimmer und betrachten das Bildnis einer ehemaligen Gräfin. Die Gräfin ist hässlich. Der Vater meiner Freundin sagt, die Gräfin sei eine Schönheit. Wir sprechen über die Schule, über Noten.
Wenn ein Junge eine schlechte Note in Betragen hat, ist das mutig, sagt Gabor. Mädchen, die eine schlechte Note in Betragen haben, sind wahrscheinlich unmoralisch.
Ich habe eine Drei in Betragen. Als ich ihm das sage, wird er ganz rot im Gesicht. Aus den Poren auf seiner Nase sprießen Wasserbläschen.
Für dich gilt das nicht. Gabor starrt ins Dekollete der ehemaligen Gräfin. Ehrlich, wirklich wahr. Ich habe trotzdem Angst, dass ich jetzt unmoralisch bin.
Gabor ist größer als wir. Er hat kräftigere Knochen und ist überhaupt nicht mager. Früher hätte er mir nicht gefallen. Wegen seiner semmelblonden Haare. Seit ich zur Religionsstunde gehe, gefallen mir nur noch semmelblonde Haare. Nach der Schule übe ich meine spätere Unterschrift. Weil ich später so heißen werde wie er.
Ich schreibe meine spätere Unterschrift schon viel flüssiger als meine jetzige. Ich kann meine spätere Unterschrift schon so gut schreiben, dass sie unleserlich ist.
Gabor und ich stehen im Atelierzimmer. Die ehemalige Gräfin ist jetzt noch hässlicher als vor einer Woche. Sie trägt eine Perlenkette auf ferkelrosa Haut. Die ehemalige Gräfin schielt jetzt.
Glaubst du an Gott, sagt Gabor.
Ja. (In Wahrheit habe ich noch nie darüber nachgedacht. Aber das sage ich ihm nicht.)
Früher habe ich nicht an Gott geglaubt, sagt Gabor.
Und warum glaubst du jetzt an ihn?
Weil aus Wasser Eis wird. Dass es wird, ist Gott.
Ich denke, das ist physikalisch.
Überlege es dir, dass es w i r d.
Ich fühle, dass ich dumm bin. Die ehemalige Gräfin hat ein flaches Gesicht, als wäre es ein Blatt.
Gabor ist anders als wir. Reifer. Mit seinem Vater spricht er seit Monaten nicht mehr. Für das kommende Schuljahr hat ihn sein Vater in einem Internat angemeldet. Das ist Gabor egal. Er zuckt mit den Schultern und pfeift dazu. Er kneift die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und blinzelt in das Vogelgezwitscher hinaus. Als könnte er es sehen.
Der Vater von Gabor ist Hilfsarbeiter. Obwohl er einen Doktortitel hat.
Unser Priester spricht über das Sakrament der Ehe. Das ist sein Lieblingsthema. Er war noch nie verheiratet. Die Ehen, über die der Priester erzählt, klingen wie Märchen. In seinen Ehen haben alle das reine Herz. Auch die Kinder.
Die Ehen, die ich kenne, sind anders. In unserem Mietshaus wohnt in jeder Wohnung eine Ehe. In manchen Wohnungen wohnen eineinhalb. Eine geschiedene und eine richtige. In diesen Wohnungen tobt das lauteste Geschrei. Die Kinder spucken vom fünften Stock in den Hof hinunter. Sie zielen auf das Kopftuch der Hausmeisterin. Dann verstecken sie sich. Wenn sie gefunden werden, kriegen sie Schläge.
Der Priester erzählt ein Ehemärchen. Bevor das Ehepaar, das das reine Herz hat, ein Kind zeugt, isst es Rühreier und Kopfsalat dazu. Der Esstisch ist sauber gedeckt. Neun Monate nach diesem Essen kommt ein Baby auf die Welt. Eines mit dem reinen Herzen im Geschrei. Aber was gleich nach diesem Essen geschieht, das sagt der Priester nicht.
Gabor sitzt neben mir. Er schaut auf meine Wange. Sein Schauen ist ein Gefühl. Ich drehe mein Gesicht in dieses Schauen hinein.
Unsere Blicke verheddern sich ineinander.
Der Priester hört zu sprechen auf.
Er räuspert sich. Er schweigt. Er räuspert sich.
Meine Freundin grinst.
Ihr Bruder starrt zur Zimmerdecke hinauf. Von der Decke hängen Spinnweben herunter.
Der Priester hat jetzt ein sympathisches Gesicht. Und leise Worte. Manche schmunzeln.
Meine Freundin und ich kichern schon seit einer halben Stunde, weil ich eine Lehrerin nachmache, die wir gemeinsam hassen. Ihr Bruder liegt auf dem Parkettboden und liest Karl May.
Verschwindet, und er wirft einen Hausschuh in unser Gekicher hinein.
Wegen dir verschwindet nicht einmal eine Maus. Der Hausschuh fällt auf den Esstisch.
Der Bruder meiner Freundin setzt sich auf. Er hat ein spöttisches Gesicht.
Unsere Freundschaft fing vor sieben Jahren an, als er mich nach der Schule auf der Straße verprügelte, weil ich seine Schwester am Vortag ausgelacht hatte. Am nächsten Tag wurden wir Freundinnen. Seither streite ich mit ihm. Aber er tut mir nichts mehr.
Ich weiß etwas, sagt der Bruder meiner Freundin. Das wird dich interessieren.
Was weißt du?
Gabor.
Was? und mein Mund bleibt offen.
Er wollte wissen, wie du bist, sagt der Bruder meiner Freundin.
Was hast du gesagt? und ich nehme den Hausschuh in die Hand.
Dass du in Ordnung bist.
Was? und ich drehe den Hausschuh zu einer Spirale.
Du gefällst ihm, sagt der Bruder meiner Freundin.
Ist das wirklich wahr?
Der Bruder meiner Freundin legt sich auf den Parkettboden und nimmt den Karl May in die Hand.
Schwöre. Der Bruder meiner Freundin lügt nicht. Auch wir lügen nicht. Wenn wir trotzdem lügen, sind wir in Gefahr.
Schwöre.
Es ist wirklich wahr, sagt meine Freundin.
Ich gehe nach Haus, läute und grüße nicht. Ich laufe durch den finsteren Gang in das große Zimmer hinein und schreie, so laut wie ich noch nie einen Menschen schreien gehört hatte, es ist wahr. Dann laufe ich in das kleinere Zimmer hinein und durch das Bad wieder in den Flur hinaus und in ein mittleres Zimmer, schreiend, es ist wahr. Meine Schwester sitzt in einer Ecke und liest ein Kinderbuch. Sie tippt mit ihren Zeigefingern an ihre Schläfen. Gestern hätte sie selbst einen Zeigefinger büßen müssen. Heute umarme ich sie
Gabor ging im nächsten Schuljahr ins Internat. Wir trafen uns noch einmal. Ein Jahr später, in den Ferien.
Du bist gewachsen.
Ja. Ich schaute in die Kastanien, als wollte ich etwas sehen dort.
Du hast kurze Haare.
Die Zöpfe waren schon kindisch.
Mein Vater spinnt noch immer.
Ich schaute in Gabors Gesicht. Am Straßenrand schrie ein Melonenverkäufer seine Preise in die Luft. Gabor hatte semmelblonde Bartstoppeln um seinen Mund herum. Und eine Stimme wie ein Mann.
Ich hatte damals Angst, dass er mich küssen würde. Ich hatte damals Angst, dass er mich gar nicht küssen wollte.
Ein paar Monate später ging ich auch in ein Internat. Das Internat war in einem anderen Land. Meine Freundin schrieb mir:
Gabor lebt wieder zu Hause. Er lässt dich grüßen. Wir waren in der Oper. Zu dritt. Bist du eifersüchtig?
Gabor liegt im Krankenhaus. Er lässt dich grüßen.
Gabor ist wieder zu Hause. Er sieht ganz anders aus.
Wir besuchten Gabor im Krankenhaus. Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein.
Gabor starb im Januar.
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Gewinnertext des Literarchie-Wettbewerbs "Let me be your Valentine" 2008
Es kann keinen Gott geben, sagt mein Vater. Immer wenn er diesen Satz sagt, gräbt sich die Zeit in sein Gesicht und er hat noch mehr Falten. Während der Nazizeit war mein Vater Kommunist gewesen. Seit dieses Land kommunistisch ist, ist er kein Kommunist mehr. Aber an Gott glaubt mein Vater nicht. Ich muss trotzdem zur Religionsstunde. Wegen der Bildung, sagt er.
Ich gehe jeden Donnerstag zur Religionsstunde in die Wohnung meiner besten Freundin. Wir sind zu viert. Meine Freundin, die in meine Klasse geht, ihr Bruder, der zwei Jahre älter ist. Und ich. Und Gabor.
Bevor ich zur Religionsstunde gehe, ziehe ich ein unbequemes, schönes Kleid an. In meine Zöpfe binde ich bunte Schleifen. Sie baumeln neben meinen Hüften, wenn ich geh.
Gabor und ich sind schon früher da. Zufällig, weil es uns langweilig war. Der Religionslehrer ist ein Priester. Er kommt später. Manchmal eine Stunde nach der Zeit.
Der Vater meiner Freundin ist Maler. Er bewohnt ein Atelierzimmer, das größer ist als die ganze übrige Wohnung. Er malt nur Frauen. Wenn ich eine Frau bin, wird er mich auch malen. Wegen meiner rötlichblonden Zöpfe. Wenn ich eine Frau bin, habe ich keine Zöpfe mehr.
Richtige Frauen tragen ihr Haar lang. So denkt der Vater meiner Freundin über Frauen. In Wahrheit ist er Zeichen- und Geometrielehrer. Daran, dass er kein richtiger Maler ist, sind die Kommunisten schuld. Und der Hitler, weil er den Krieg verloren hatte.
Der Vater meiner Freundin sammelt chinesische Kleinmöbel. Sie sind alt und könnten Puppenmöbel sein. Sind aber unnütz. Wenn der Vater meiner Freundin ein chinesisches Kästchen kauft, kommt meine Freundin wochenlang ohne Pausenbrot in die Schule. Wäh-rend ich mein Butterbrot esse, schaut sie zum Fenster hinaus. Ihre Augen sehen wie frisch geschlüpfte Rosskastanien aus. Und als sehnten sie sich fort aus ihrem Gesicht.
Magst abbeißen?
Nein.
Meine Freundin trägt ein weites Kleid und hat keine Figur darunter.
Wenn ihr Vater gute Laune hat, darf ich ein chinesisches Türchen öffnen. In dem Kästchen liegt Staub. Sonst kann ich nichts sehen.
Schön. Und ich habe ein verlogenes Gefühl. Die Mutter meiner Freundin kocht am Abend verschrumpelte Semmeln in einer wässerigen, gezuckerten Milch zu einem Brei. Wenn sie den Brei essen, brauchen sie ihre Zähne nicht.
Gabor und ich sind zufällig schon früher da. Wir stehen im Atelierzimmer und betrachten das Bildnis einer ehemaligen Gräfin. Die Gräfin ist hässlich. Der Vater meiner Freundin sagt, die Gräfin sei eine Schönheit. Wir sprechen über die Schule, über Noten.
Wenn ein Junge eine schlechte Note in Betragen hat, ist das mutig, sagt Gabor. Mädchen, die eine schlechte Note in Betragen haben, sind wahrscheinlich unmoralisch.
Ich habe eine Drei in Betragen. Als ich ihm das sage, wird er ganz rot im Gesicht. Aus den Poren auf seiner Nase sprießen Wasserbläschen.
Für dich gilt das nicht. Gabor starrt ins Dekollete der ehemaligen Gräfin. Ehrlich, wirklich wahr. Ich habe trotzdem Angst, dass ich jetzt unmoralisch bin.
Gabor ist größer als wir. Er hat kräftigere Knochen und ist überhaupt nicht mager. Früher hätte er mir nicht gefallen. Wegen seiner semmelblonden Haare. Seit ich zur Religionsstunde gehe, gefallen mir nur noch semmelblonde Haare. Nach der Schule übe ich meine spätere Unterschrift. Weil ich später so heißen werde wie er.
Ich schreibe meine spätere Unterschrift schon viel flüssiger als meine jetzige. Ich kann meine spätere Unterschrift schon so gut schreiben, dass sie unleserlich ist.
Gabor und ich stehen im Atelierzimmer. Die ehemalige Gräfin ist jetzt noch hässlicher als vor einer Woche. Sie trägt eine Perlenkette auf ferkelrosa Haut. Die ehemalige Gräfin schielt jetzt.
Glaubst du an Gott, sagt Gabor.
Ja. (In Wahrheit habe ich noch nie darüber nachgedacht. Aber das sage ich ihm nicht.)
Früher habe ich nicht an Gott geglaubt, sagt Gabor.
Und warum glaubst du jetzt an ihn?
Weil aus Wasser Eis wird. Dass es wird, ist Gott.
Ich denke, das ist physikalisch.
Überlege es dir, dass es w i r d.
Ich fühle, dass ich dumm bin. Die ehemalige Gräfin hat ein flaches Gesicht, als wäre es ein Blatt.
Gabor ist anders als wir. Reifer. Mit seinem Vater spricht er seit Monaten nicht mehr. Für das kommende Schuljahr hat ihn sein Vater in einem Internat angemeldet. Das ist Gabor egal. Er zuckt mit den Schultern und pfeift dazu. Er kneift die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und blinzelt in das Vogelgezwitscher hinaus. Als könnte er es sehen.
Der Vater von Gabor ist Hilfsarbeiter. Obwohl er einen Doktortitel hat.
Unser Priester spricht über das Sakrament der Ehe. Das ist sein Lieblingsthema. Er war noch nie verheiratet. Die Ehen, über die der Priester erzählt, klingen wie Märchen. In seinen Ehen haben alle das reine Herz. Auch die Kinder.
Die Ehen, die ich kenne, sind anders. In unserem Mietshaus wohnt in jeder Wohnung eine Ehe. In manchen Wohnungen wohnen eineinhalb. Eine geschiedene und eine richtige. In diesen Wohnungen tobt das lauteste Geschrei. Die Kinder spucken vom fünften Stock in den Hof hinunter. Sie zielen auf das Kopftuch der Hausmeisterin. Dann verstecken sie sich. Wenn sie gefunden werden, kriegen sie Schläge.
Der Priester erzählt ein Ehemärchen. Bevor das Ehepaar, das das reine Herz hat, ein Kind zeugt, isst es Rühreier und Kopfsalat dazu. Der Esstisch ist sauber gedeckt. Neun Monate nach diesem Essen kommt ein Baby auf die Welt. Eines mit dem reinen Herzen im Geschrei. Aber was gleich nach diesem Essen geschieht, das sagt der Priester nicht.
Gabor sitzt neben mir. Er schaut auf meine Wange. Sein Schauen ist ein Gefühl. Ich drehe mein Gesicht in dieses Schauen hinein.
Unsere Blicke verheddern sich ineinander.
Der Priester hört zu sprechen auf.
Er räuspert sich. Er schweigt. Er räuspert sich.
Meine Freundin grinst.
Ihr Bruder starrt zur Zimmerdecke hinauf. Von der Decke hängen Spinnweben herunter.
Der Priester hat jetzt ein sympathisches Gesicht. Und leise Worte. Manche schmunzeln.
Meine Freundin und ich kichern schon seit einer halben Stunde, weil ich eine Lehrerin nachmache, die wir gemeinsam hassen. Ihr Bruder liegt auf dem Parkettboden und liest Karl May.
Verschwindet, und er wirft einen Hausschuh in unser Gekicher hinein.
Wegen dir verschwindet nicht einmal eine Maus. Der Hausschuh fällt auf den Esstisch.
Der Bruder meiner Freundin setzt sich auf. Er hat ein spöttisches Gesicht.
Unsere Freundschaft fing vor sieben Jahren an, als er mich nach der Schule auf der Straße verprügelte, weil ich seine Schwester am Vortag ausgelacht hatte. Am nächsten Tag wurden wir Freundinnen. Seither streite ich mit ihm. Aber er tut mir nichts mehr.
Ich weiß etwas, sagt der Bruder meiner Freundin. Das wird dich interessieren.
Was weißt du?
Gabor.
Was? und mein Mund bleibt offen.
Er wollte wissen, wie du bist, sagt der Bruder meiner Freundin.
Was hast du gesagt? und ich nehme den Hausschuh in die Hand.
Dass du in Ordnung bist.
Was? und ich drehe den Hausschuh zu einer Spirale.
Du gefällst ihm, sagt der Bruder meiner Freundin.
Ist das wirklich wahr?
Der Bruder meiner Freundin legt sich auf den Parkettboden und nimmt den Karl May in die Hand.
Schwöre. Der Bruder meiner Freundin lügt nicht. Auch wir lügen nicht. Wenn wir trotzdem lügen, sind wir in Gefahr.
Schwöre.
Es ist wirklich wahr, sagt meine Freundin.
Ich gehe nach Haus, läute und grüße nicht. Ich laufe durch den finsteren Gang in das große Zimmer hinein und schreie, so laut wie ich noch nie einen Menschen schreien gehört hatte, es ist wahr. Dann laufe ich in das kleinere Zimmer hinein und durch das Bad wieder in den Flur hinaus und in ein mittleres Zimmer, schreiend, es ist wahr. Meine Schwester sitzt in einer Ecke und liest ein Kinderbuch. Sie tippt mit ihren Zeigefingern an ihre Schläfen. Gestern hätte sie selbst einen Zeigefinger büßen müssen. Heute umarme ich sie
Gabor ging im nächsten Schuljahr ins Internat. Wir trafen uns noch einmal. Ein Jahr später, in den Ferien.
Du bist gewachsen.
Ja. Ich schaute in die Kastanien, als wollte ich etwas sehen dort.
Du hast kurze Haare.
Die Zöpfe waren schon kindisch.
Mein Vater spinnt noch immer.
Ich schaute in Gabors Gesicht. Am Straßenrand schrie ein Melonenverkäufer seine Preise in die Luft. Gabor hatte semmelblonde Bartstoppeln um seinen Mund herum. Und eine Stimme wie ein Mann.
Ich hatte damals Angst, dass er mich küssen würde. Ich hatte damals Angst, dass er mich gar nicht küssen wollte.
Ein paar Monate später ging ich auch in ein Internat. Das Internat war in einem anderen Land. Meine Freundin schrieb mir:
Gabor lebt wieder zu Hause. Er lässt dich grüßen. Wir waren in der Oper. Zu dritt. Bist du eifersüchtig?
Gabor liegt im Krankenhaus. Er lässt dich grüßen.
Gabor ist wieder zu Hause. Er sieht ganz anders aus.
Wir besuchten Gabor im Krankenhaus. Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein.
Gabor starb im Januar.
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liter-A-rchie - 14.Feb.08 00:00 - Rubrik: Wettbewerbe




